Ein Dorf, das es nicht gibt
Zartenow liegt in der Mecklenburgischen Seenplatte, auf keiner Landkarte und in einem Roman. Was hier steht, stammt aus dem Buch. Wie es ausgeht, steht nicht dabei.
Kirche, Kulturgarten, Dorfladen, Badestelle: Zartenow, wie es im Buch entsteht.
Die Gegend
Mecklenburgische Seenplatte, von drei Seiten Nationalpark
Es riecht nach trockenem Kiefernharz und staubiger Erde. Die Häuser sind gedrungen, rot, aus Backstein, und die Risse im Mauerwerk der alten Höfe verschwinden im Schatten, was ganz gut so ist. Auf der Dorfstraße picken Hühner das Moos zwischen den Pflastersteinen, in aller Ruhe, denn es eilt hier selten etwas.
Über allem zieht ein Bussard seine Kreise und kreischt heiser, als gehörte ihm die Luft. Das bestreitet niemand. Von drei Seiten umschließt der Nationalpark den Ort; die vierte Seite ist der See.
Und es gibt die Stille. Die Stille, die es nur auf dem Land gibt und die in der Stadt sofort jemanden beunruhigt hätte. Wer aus Berlin kommt, hält sie erst für Erholung und merkt nach ein paar Tagen, dass sie auch etwas verlangt.
Was ein Dorf eben hat
Kirche, Dorfladen, Feuerwehr, Gemeindehaus, Kulturgarten
- Die Dorfkirche Ein alter Backsteinbau mitten auf dem Dorfanger. Die Mauern sind dick genug, um die Nachmittagshitze zu schlucken; über dem Portal sitzen die Tauben und gurren, man hört sie bis hinein. Sorgen macht das Dach über der Orgelempore. Ein Sommergewitter reißt es auf, und was darunter zum Vorschein kommt, hatte in Zartenow niemand erwartet.
- Die Bushaltestelle In der Mitte läuft die Hauptstraße zur nächsten Stadt. Die Bushaltestelle daran ist der einzige Anschluss an die übrige Welt. Wer den Busfahrplan kennt, kennt die Grenzen dessen, was an einem Tag möglich ist.
- Der Badesteg Von der Hauptstraße führt die Dorfstraße quer durch den Ort bis ans Ufer des Sees, wo ein Badesteg ins Wasser ragt. Darauf benehmen sich ein paar Enten, als zahlten sie Miete.
- Der Kulturgarten Frisch gestrichen, davor eine verwitterte Eichenbank an einem ebensolchen Tisch. Hinter dem Haus ist die Sommerwiese ein Paradies für Hummeln und Bienen geworden, weil Unkrautjäten nicht zu Hannes Lieblingsbeschäftigungen gehört. Für beide Seiten ein Gewinn: Sie schont ihr Knie, die Insekten haben ihre unberührte Natur.
- Das Haus am See Stand jahrelang leer. Es gehörte Julias Großmutter, und Julia zieht mit der vagen Absicht ein, sich zu erholen. In einem Dorf mit eingeschränktem Handyempfang klingt das zumindest theoretisch vielversprechend.
- Der Friedhof Alte Eichen am Rand. Wenn kein Wind geht, hört man dort gar nichts, und das ist selten genug, um es zu bemerken.
Auf der handgezeichneten Karte liegen alle diese Orte an ihrem Platz. Sechs Straßen hat Zartenow außerdem, und in denen wohnen inzwischen echte Menschen – jedenfalls dem Melderegister nach.
Die Menschen
Vier, um die es geht
Hanne Voss
Eigentlich Hannelore, aber die Langform kennt im Dorf niemand mehr. Makellos gebügelte beigefarbene Bundfaltenhose, dazu knallgelbe Gummistiefel, die sie schon nach dem Frühstück aus dem Schrank holt, wenn der Himmel noch wolkenlos blau ist. Ihr linkes Knie knirscht beim Aufstehen wie ein rostiges Scharnier, und darauf ist mehr Verlass als auf jeden Wetterbericht. Meteorologen braucht Hanne keine.
Sie sitzt auf ihrer Bank, schält mit einem Taschenmesser mit speckigem Hirschhorngriff einen schrumpeligen Apfel und ist fest überzeugt, sie halte den Ort ganz allein zusammen. Das stimmt sogar fast. Sie kennt den Wert einer Sache und den Preis einer Sache und weiß, dass das nicht dasselbe ist.
Julia
Drei Jahre Werbeagentur, in denen sie Menschen davon überzeugen sollte, dass Mineralwasser die Seele reinigt. Danach ein Burnout und das leerstehende Haus der Großmutter. Sie kommt, um sich zu erholen, und findet ein altes Familienfoto, eine Delle im Bilderrahmen und eine Geschichte, die ihr gehört. Oder an der sie hängt. Beides stimmt.
Johannes Falk
Auslaufender Vertrag, eine Promotion über den Einfluss des italienischen Quattrocento auf die Berliner Malerei des neunzehnten Jahrhunderts. Auf dem Heimweg sucht er nur Schutz vor dem Unwetter, wird erst einmal mit einem Stück Kaltem Hund abgefüttert und steht dann in der Kirche vor einem Gemälde, das in keinem Werkverzeichnis der Welt auftaucht.
Er weiß viel über Bilder und wenig über Augenblicke. Zartenow konfrontiert ihn mit beidem gleichzeitig, und er ist schlechter vorbereitet, als er dachte.
Martha Brenning
Im Februar 1945 flieht sie aus Hinterpommern: fünf Kinder, ein Fuhrwerk, und unter dem Mantel ein Bild. Sie schützt es auf eine Weise, die nur sie selbst vollständig versteht, und legt es schließlich an einen Ort, an dem der Roman es achtzig Jahre später wiederfindet.
Sie ist die Figur, um die sich alles dreht, ohne dass das zunächst so aussieht.
Und dann?
Ab hier wird es kompliziert, auf die Art, wie es in kleinen Dörfern kompliziert wird
Alte Akten, ältere Erinnerungen und eine Familie, die seit siebzig Jahren aus guten Gründen schweigt. Wer am Ende welchen Anspruch geltend macht und ob Hanne ihre Kirche retten kann, steht hier nicht.
Nur so viel: Am Ende hat das Dorf eigene Vorstellungen davon, was ein Bild wert ist. Vorstellungen, die eher mit Kupferrinnen und Busfahrplänen zu tun haben als mit Auktionskatalogen. Und mit einem Kastenkuchen aus Keksen und Kokosfett, der in Zartenow mehr zusammenhält als jedes Notariat.
„Meisterwerk mit Kaltem Hund“ erscheint am 1. September 2026 bei tredition. Das Rezept zum Kalten Hund gibt das Amt schon jetzt heraus, gesiegelt und als PDF.
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